Chinesische Palastdramen

Jedes Jahr werden in China ca 700 Serien gedreht. Es ist klar, dass bei dieser Fülle an neuen Dramen nicht jedes ein Hit wird. Wie auch in Hollywood und in Bollywood (einem der Zentren der indischen Filmindustrie), wird viel Schrott produziert. Die meisten Serien schaffen es denn auch nicht über den chinesischen Markt hinaus. Allerdings wurde „Chinawood“ in letzter Zeit von Netflix entdeckt, vlt verhilft die Kooperation mit dem amerikanischen Streaminggiganten dem chinesischen Film zu mehr Beachtung in der westlichen Welt. Für mich sind diese Filme und Serien ein Fenster in eine mir unbekannte Welt.

Die modernen Serien aus China interessieren mich hingegen überhaupt nicht.

Hier eine Reportage aus dem grössten Filmstudio der Welt, das in Hengdian steht. Es gibt dort sogar eine 1:1 Nachbildung der verbotenen Stadt.

Ich stolperte vor ca 2 Jahren über meine erste chinesische Serie – als im Tagesanzeiger darüber berichtet wurde (the Story of Yangzi Palace). Seither bin ich richtiggehend süchtig. Das Gucken dieser Serien ist richtige Schwerstarbeit, denn die meisten haben 60 – 70 Episoden à 45 Minuten, das macht einiges an Lebenszeit aus, die man damit verbringt. In Europa wären dies 7 Staffeln à 10 Episoden, in China beschränkt man sich meistens auf eine Staffel. Allerdings hat in der Zwischenzeit die chinesische Filmbehörde eingegriffen und ein Maximum von 40 (50) Episoden je Serie angeordnet. Das ist nicht nur schlecht, denn noch bei dieser Beschränkung könnte man die meisten Serien um jeweils 5 Episoden kürzen und es wäre immer noch bingebar. Auch sonst greift die chinesische Zensurbehörde in die Filmindustrie ein: Eine Fortsetzung der Hitserie „The Story of Yangzi Palace“ wurde verboten, da diese angeblich Werte vertrete, die denen des chinesischen Volkes nicht entspreche oder so. Des Weiteren wurden sogenannte BL- Bromance-Serien – massiv zensiert – man will in China offenbar jeden Anschein von gleichgeschlechtlichen Beziehungen vermeiden, dieser Zensur fiel um ein Haar „The Untamed“, eine Hitserie aus dem Jahr 2019, zum Opfer.

Die meisten Serien sind auf youtube zu sehen, wenn die englischen Untertitel fehlen, so weiche ich auf eine Streamingseite aus, ich habe mir auch die chinesische Film-App IQYI heruntergeladen.

Die englischen Uebersetzungen sind teilweise so hanebüchen, dass ich deswegen schon eine Serie aufgegeben habe. Es war so offensichtlich, dass Untertitel und das, was die SchauspielerInnen sagen, überhaupt nicht übereinstimmen. Dies erstaunt mich etwas, es sollte doch in China in der Zwischenzeit genug perfekt Englisch sprechende Menschen geben, die in der Lage sind, anständige Untertitel zu produzieren.

Dank Algorithmus werden mir immer wieder neue Dramen vorgeschlagen und ich informiere mich auch im Internet über mögliche neue Serien, hier kann ich die wöchentlichen Videos von Marcus Sim empfehlen (auf youtube zu finden).

Mich interessieren nur diejenigen Dramen, die im China der Kaiserzeit ( sei es nun die Tang-, Ming- oder Qin- Dynastie) spielen. Dies vor allem – ihr erratet es sicher – wegen den Kostümen und der Ausstattung. Scheint so ein Mädchending zu sein 😇😇😇

Natürlich gibt es verschiedene Unterkategorien:

Da sind die sogenannten „Wuxia-Dramen“, die vor allem chinesische Schwertkämpfe, Schlachten, Soldaten- und Reiterkämpfe beschreiben die überwiegend an historischen oder pseudohistorischen Schauplätzen spielen. Dieses Genre beinhaltet auch gewisse phantastische Elemente (Schwertkämpfe in der Luft und so).

Dann die Dramen, die eine Zeitreise beinhalten: Eine Person (meistens eine Frau) im heutigen China findet sich durch einen Zufall ( Unfall, Traum) in einem früheren Leben wieder, in den meisten Fällen wird sie in irgendeine (Palast) Intrige verwickelt.

Die Fantasy-Dramen spielen, wie der Name es schon sagt, in einer Fantasiewelt und werden unter Zuhilfenahme von CGI produziert. Diese CGI ist aber teilweise derart grottenschlecht und albern, dass es einen schon fast weh tut.

Die Bromance: Das sind Dramen, die sich um die selbstverständlich platonische Beziehung zwischen Meister und Schüler, zwei Brüder, zwei Freunde etc. pp. drehen.

Das klassische Palast-/Haremsdrama: Dieses spielt im inneren Bereich der verbotenen Stadt, dem Harem des Kaisers und handelt vor allem darum, wie die vielen Frauen des Kaisers mit allen Mitteln um die Gunst des Kaisers kämpfen bzw dafür sorgen, dass ihr Sohn der Nachfolger wird. Ist meistens sehr amüsant, kann mit der Zeit aber auch ermüdend werden.

Mein bevorzugtes Genre sind die Wuxia-Dramen. Als begeisterte Hobby- Fechterin liebe ich Schwertduelle, zudem sind die Geschichten sehr vielfältig: Sie beinhalten Verrat, Intrigen, Romanzen, Politik usw. Die Palastdramen sind von der Ausstattung ein Fest für die Sinne, mit der Zeit aber sehr ermüdend, da die ganzen Plots ziemlich repetitiv sind. Irgendwann hat’s man echt gesehen.

Eine Besonderheit der chinesischen Palastdramen ist das sogenannte „overdubbing“. Dies bedeutet, dass die SchauspielerInnen während des Filmdrehs zwar ihre Texte aufsagen, aber in der Postproduktion werden diese mit einem Voice-Actor, einer Voice-Actress neu vertont. Begründung für diese Praxis ist die Tatsache, dass die SchauspielerInnen aus jeder Ecke von China stammen und daher auch unterschiedliche Dialekte sprechen. Zu den Zeiten, in denen die meisten Dramen spielen, blieben die meisten Menschen fast ihr ganzes Leben lang am gleichen Ort, dh sie tönten auch gleich. Tönt plausibel – auf der anderen Seite ist es doch der Job von SchauspielerInnen, in eine andere Haut schlüpfen zu können.

Zensur ist in China ein wichtiges Thema. Diese ist teilweise sehr einschneidend, beispielsweise hat die Zensurbehörde eine zweite Staffel der Hitserie „Story of Yanzi Palace“ verboten, da diese Serie angeblich die chinesischen Werte verrate, oder so. Eine Zeitung schrieb sogar, die Serie würde die chinesische Gesellschaft vergiften. Auch die „Zeitreisen-Dramen“ wurden verboten, ebenso kritisch angesehen werden die Bromance-Dramen, also eigentlich fast alles.

Angesichts der Feiern zu 70 Jahre Volksrepublik China griff die staatliche Fernseh- und Radiobehörde zu drastischen Massnahmen. Denn diese Behörde ordnete an, dass „unpatriotische Sendungen“ 100 Tage lang nicht ausgestrahlt werden dürfen, also bis weit nach dem 70. Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China.

Ich habe absolut null Ahnung von Regie, Bildeinstellungen, Schnitt usw usf……meine Kritiken beziehen sich nur auf die Story, die Leistungen der SchauspielerInnen und die Ausstattung

Mein Fangirling für die chinesischen „Period-Dramas“ ist strikte unpolitisch. Wenn ich für diese Period-Dramas schwärme, bedeutet dies nicht, dass ich damit die chinesische Politik unterstütze und/ oder gut heisse.