Off to Shanghai

Mit diesem Blog melde ich mich nach mehr als einem Jahr Pause wieder zurück. In Zukunft werde ich hier wieder regelmässig meine Meinung kundtun.

Endlich, endlich – nach über drei Jahren Entzug stand Ende März wieder einmal Asien auf meinem Reiseprogramm. Aus einem Bauchgefühl heraus entschied ich mich für Shanghai….

Nach einem unspektulären Flug landete LX 188 am 20. März um 7.50 Uhr in Shanghai Pudong International Airport. Die Ankunftshalle hat eine spätsozialistische Atmosphäre und verströmt den Charme einer Lagerhalle. Was für ein Unterschied zu Bangkok oder Singapur!

Metro fahren

Die Metros funktionieren fast überall gleich, so dass eine Orientierung eigentlich möglich sein sollte. Die Frage war nur, ob die ganzen Beschriftungen ausschliesslich in Chinesisch sein würden oder ob man auch an die Ausländer gedacht hatte. Bei ausschliesslich chinesischer Beschriftung wäre mir wahrscheinlich nichts anderes übrig geblieben, als aufs Taxi umzusteigen. Zu meiner grossen Erleichterung sind in der Metro sowohl die Haltestellen wie auch die Ausgänge auch in englischer Sprache beschriftet. Ich fand schnell heraus, wie man ein Billett löst und am Kundenschalter erhielt ich erst noch einen Metroplan in englischer Sprache. Auch die Durchsagen in der Metro sind zweisprachig – und erst noch verständlich!!! Die Metro ist hypermodern – mit Abschrankungen vor den Geleisen, so dass niemand aufs Geleise geschubst werden kann. Die Leute sind unheimlich diszipliniert – ausser es geht ums Ein-oder Aussteigen. Aber Szenen, wie man sie beispielsweise aus Japan kennt, bleiben aus. Erstaunt war ich aber, als ich beobachtete, dass das Abfahrtssignal für die Metro manuell gegeben wird – mit Fähnchenschwingen, wie man es aus alten Filmen kennt.

Mit dem Zug nach Hangzhou

Am Sonntag plante ich einen Ausflug nach Hangzhou. Mit dem Bus dauert die Fahrt drei Stunden, mit dem Zug eine Stunde. Also machte ich mich am Samstag auf, um ein Billett zu kaufen und auch um herauszufinden, wie denn das Zugfahren in China so funktioniert. Nach einer halben Stunde Anstehen realisierte ich, dass es wohl möglich wäre, ein Zugbillett für den nächsten Tag zu kaufen, aber ohne Ausweis ging gar nichts. Dies gilt auch für die Chinesen. So musste ich unverrichteter Dinge abzotteln und am Sonntag durfte ich mich nochmals für ungefähr eine halbe Stunde in die Warteschlange vor dem Billettschalter einreihen. Das Einsteigen in den Zug funktioniert ähnlich wie das Boarden eines Flugzeugs. Als erstes kommt man in eine riesige Wartehalle, aber nicht, ohne vorher kontrolliert zu werden. Es ist nicht möglich, einfach so in den Zug einzusteigen. Der Zugang zum Zug ist erst eine Viertelstunde vor der Abfahrt möglich. Man muss zuerst eine Schranke passieren – ähnlich wie bei der Metro…..oder beim Boarden eines Flugzeugs. Drei Minuten vor Abfahrt des Zuges ist der Zugang nicht mehr möglich – das wäre definitiv nichts für mich, da ich üblicherweise immer erst fünf Sekunden vor Abfahrt des Zuges ankomme 🙂

Orientierung

Die Orientierung ist mir in Shanghai nicht leicht gefallen. Ueblicherweise lasse ich mich, wenn ich in Asien unterwegs bin, zu den Sehenswürdigkeiten chauffieren -entweder mit dem Mofa oder dem Taxi, dem Tuk-Tuk oder was auch immer das Hauptverkehrsmittel ist, da öffentlicher Verkehr meistens ein Fremdwort ist. Aber in Shanghai ist die Metro super ausgebaut – auf europäischem Niveau, so dass ich davon ausgegangen bin, dass ich mich selber orientieren kann. In Singapur hat dies super geklappt. Allerdings ist Singapur etwas kleiner als Shanghai und viel westlicher.

Ich hatte mir in der Kornhausbibliothek einen zweisprachigen Reiseführer besorgt – zweisprachig in dem Sinne, dass zumindest die Hauptsehenswürdigkeiten auch mit chinesischen Schriftzeichen bezeichnet waren. Im Reiseführer waren verschiedene Touren durch Shanghai beschrieben. Ich war der Meinung, dass ich mit Metroplan und Stadtkarte genügend ausgerüstet sei, um die verschiedenen Touren zu absolvieren. Da hatte ich mich aber schwer getäuscht! Denn Shanghai ist eine 18-Millionen-Stadt – man kann nicht einfach um die Ecke laufen und schon hat man das Gesuchte gefunden……Beispielsweise irrte ich auf der Suche nach dem Gründungsort der Kommunistischen Partei Chinas etwa 45 Minuten in der ehemaligen Französischen Konzession herum….allerdings suchte ich auch das Falsche: Ich hielt nach einem pompösen Gebäude Ausschau, schlussendlich realisierte ich, dass sich der gesuchte Ort in einem eher bescheidenen Häuschen befand…..soviel zum Thema „man findet den Wald vor lauter Bäumen nicht“.

Irgendwann habe ich es aufgegeben, auf eigene Faust etwas finden zu wollen und liess mich per Taxi zum gewünschten Ort fahren, indem ich dem Taxifahrer den Reiseführer hinhielt und auf die chinesischen Schriftzeichen deutete. Auf diese Weise kam ich jeweils ins Hotel zurück. Ich hatte ein Kärtchen erhalten, auf dem der Name des Hotels in chinesischen Schriftzeichen stand. Auf dem Kärtchen stand: „Please take me to the…….Hotel…..“ Ich fühlte mich wie ein Kindergärteler…..Es fehlte nur noch, dass man mir ein Plastikkärtchen um den Hals hängte…..

Am schlimmsten aber war es in Hangzhou: Vom Bahnhof zum See liess ich mich im Taxi chauffieren und auch für den Rückweg wollte ich das Taxi nehmen. Leider kannte ich das chinesische Wort für Bahnhof nicht und hatte auch kein Kärtchen mit Schriftzeichen mit. Die Taxifahrer konnten ungefähr soviel Englisch wie ich Chinesisch…..die meisten winkten schon ab, wenn ich mich ihnen näherte. Schlussendlich wandte ich mich an die Rezeption des Hyatt. Die Rezeptionisten waren supernett und zeigten mir den Weg zur Metro. Zu meinem grossen Pech waren die ersten zwei Eingänge der Metro geschlossen, wegen „crowd control“. Ich suchte also weiter und übersah den nächsten Eingang zur Metro. Ich irrte etwa eine Viertelstunde in der Stadt herum….und habe mich noch nie so verloren gefühlt. Ich beherrschte die Sprache nicht, konnte das Geschriebene nicht lesen und die Leute konnten mir nicht weiterhelfen, da sie nicht Englisch sprachen. Schlussendlich tat ich das, was ich sonst nie tue, nämlich einfach den anderen Leuten nachlaufen und siehe da, der Eingang zur Metro war gefunden!

Dass ich am Hauptbahnhof von Hangzhou nochmals eine halbe Stunde anstehen musste, um ein Billett für die Rückfahrt zu kaufen, drei Stunden auf die Rückfahrt warten musste, da sämtliche Züge nach Shanghai ausgebucht waren und zudem noch den Bahnhof wechseln musste, ist ein anderes Kapitel. Hauptsache, ich war wieder auf dem Weg nach Shanghai.

Ein Königreich für ein Starbucks!

Um es vorwegzunehmen: In Europa/den USA boykottiere ich Starbucks. Die Getränke sind völlig überteuert, zudem brauche ich das ganze Schickimicki-Zeugs nicht. Auf meinen bisherigen Reisen durch Asien fand ich immer wieder ein nettes Cafe……In Indien erhält man an jeder Strassenecke einen Chai (das Wasser ist ja abgekocht). Die Essens-/Restaurantkultur der Chinesen blieb mir aber ein Rätsel. Einzig in der Nanjiing-Road East (der bekannten Fussgängerzone) fand ich einige Restaurants…aber einfach ein Cafe, wo man sich gemütlich hinsetzen konnte und etwas trinken konnte, fehlte mir. So kam es, dass ich zum ersten Mal überhaupt froh um ein Starbucks-Cafe war.

Big Brother is watching you

Der Ueberwachungsapparat ist gigantisch! An jedem Metroeingang gibt es eine Sicherheitskontrolle, am Bahnhof, im Museum…….Zudem ist die Anzahl der Uniformierten imposant. Auf dem Bund, der bekannten Promenade dem Fluss entlang, patroullieren alle paar Meter sogenannte „Uniformed Guards“. Im Bahnhof patrouilliert die Polizei, ebenso wie in den grossen Parks. Ich möchte nicht wissen, mit wievielen Ueberwachungskameras ich gefilmt worden bin, whs kann man meine Bewegungen durch Shanghai lückenlos nachvollziehen. Jedenfalls habe ich immer freundlich in die Kameras gelächelt!

Es stellt sich die Frage, ob diese Ueberwachung sozusagen „notwendig“ ist, um die schiere Masse der Menschen etwas im Zaum zu halten, im Sinne von „riot control“, oder ob es sich schlicht und einfach um Ueberwachung des Volkes durch eine misstrauische Führung handelt. Was ich ziemlich krass fand ist die Tatsache, dass man einen Ausweis benötigt, um ein Zugbillett zu kaufen. Der Sinn dieser Massnahme erschliesst sich mir überhaupt nicht.

Ich fühlte mich angesichts der herrschenden Ueberwachung nicht wirklich sicherer – im Gegenteil, ich hatte stets ein mulmiges Gefühl.

Gegensätze

Shanghai ist eine Stadt voller Gegensätze. Auf der einen Seite die glitzernde Fassade von Pudong – auf der anderen Seite – im eher chinesischen Teil der Stadt – Hochhäuser mit Wäscheleinen auf den Balkonen. Kaum fährt man aus Shanghai heraus (Richtung Flughafen) sind die Häuser halb verfallen und sehr ärmlich – übergangslos, es existiert also (noch) kein Agglo-Siedlungsbrei rund um die Stadt.

Auch sind mir die vielen Bettler aufgefallen – vor allem alte Menschen und Behinderte. In meinen Augen ist es ein ziemliches Armutszeugnis für einen Staat/eine Gesellschaft, wenn man sich um die schwächsten Glieder nicht kümmert, sondern sie sich selber überlässt.

Ein witziges Detail ist mir auch noch aufgefallen, nämlich die Kleidung mancher Kleinkinder. Ich denke, man kennt aus Erzählungen die geschlitzten Hosen der Kleinkinder – für die Mädchen hinten, für die Knaben vorne. Ich war der Meinung, dass diese der Vergangenheit angehören, aber weit gefehlt. Fast jedes zweite Kleinkind lief in geschlitzten Hosen herum…..damit man nicht noch umständlich die Hose ausziehen muss…..wäre ich auf dem Land gewesen, hätte mich dies nicht so erstaunt, aber in einer so modernen Stadt wie Shanghai war ich doch eteas überrascht.

Was für ein Fazit ziehe ich nun aus meinem sechstägigen Aufenthalt in Shanghai. Ich denke man merkt es, meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich bereue es nicht, nach Shanghai geflogen zu sein, allerdings muss ich natürlich auch meine Erwartungen hinterfragen. Diejenigen asiatischen Städte, die ich bisher besucht habe, befinden sich in sogenannten „Schwellenländern“, dh weder modern noch im 19. Jahrhundert steckengeblieben. Shanghai hingegen ist eine sehr moderne Stadt – die Stadt könnte gut irgendwo im Westen sein. Allerdings – die Englischkenntnisse der Menschen lassen mehr als zu wünschen übrig – nicht mal die jungen Leute sind fähig, mehr als Hello und Goodbye zu sagen! Das hat mich doch sehr erstaunt. Auch sind die Menschen sehr zurückhaltend – ich weiss nicht, ob dies eine natürliche Zurückhaltung/Scheu gegenüber Fremden ist oder ob es sich um eine gewisse Angst handelt. Nun ja, unterhalten kann man sich leider nicht mit ihnen. Wahrscheinlich ist es unmöglich, auf eigene Faust Shanghai zu erkunden.

Sicher ist: Ich werde mir auch Hongkong anschauen und bin gespannt, wie sehr man das Erbe der Briten noch spürt.