Der Gemeinderat will keine Ganztagesschulen

Der Eiertanz des Gemeinderates betreffend Ganztagesschulen ist beeindruckend – er liefert auf die zwei Punkte meiner Motion, die ich im Jahr 2006 (!!!) eingereicht habe und die leider nur als Postulat überwiesen wurde (GFL sei Dank!)- zwei völlig unterschiedliche Antworten.

Nach langem Hängen und Würgen hat man es im Schulamt endlich geschafft, das verlangte Konzept für die Einrichtung von Ganztagesschulen zu erarbeiten. Dieses Konzept scheint allerdings streng geheim zu sein – in der zuständigen Kommission wurde die Beratung darüber verschoben, da man es seitens der Verwaltung nicht als nötig erachtet hatte, neben dem Kommissionsreferenten auch die Kommissionsmitglieder über das Konzept zu informieren. Dass ich als Motionärin dieses Konzept noch nie gesehen habe ist in diesem Zusammenhang nicht weiter erstaunlich.

Anlässlich der Beantwortung der Motion zeigt der Gemeinderat durchaus interessante und meines Erachtens nach auch gangbare Wege zur Einrichtung von Ganztagesschulen.

Sobald es aber um die konkrete Umsetzung geht, wird das scheinbar Mögliche plötzlich unmöglich. Es freut mich, dass der Gemeinderat von der Konzeption der Ganztagesschule als zukunftsweisende Form von Unterricht und und schulergänzender Betreuung überzeugt ist. Die Antwort zeigt aber auch etwas – anscheinend hat man im Schulamt nicht begriffen, um was es bei Ganztagesschulen eigentlich geht. GTS dienen nicht primär dazu, die ausserschulische Betreuung von Schülerinen und Schülern zu erweitern – diesem Trugschluss erliegt auch diejenige Journalistin der NZZ, die in der NZZ tatsächlich schreibt, der Staat wolle – unter anderem mit Ganztagesschulen – den Eltern jegliche Verantwortung abnehmen.

Zur Erinnerung: Ganztagesschulen heisst Schule neu denken, denn sie bieten weit mehr als verlängerte Oeffnungszeiten, sie begünstigen eine Lehr- und Lernkultur, die auf die Interessen und Voraussetzungen des einzelnen Kindes eingeht, die Schülerinnen und Schüler zur Selbstständigkeit erzieht.

Wie immer, wenn der Gemeinderat etwas nicht umsetzen will, wird das altbekannte Totschlagargument von den fehlenden Finanzen hervorgeholt. Auch wird damit argumentiert, dass die Schulen zurzeit mit der Umsetzung des Integrationsartikels eine herausfordernde und aufwändige Aufgabe zu bewältigen hätten. Dass in der Einleitung der positive Effekt von Ganztagesschulen auf die Integration hervorgehoben wird, sei hier nur am Rande vermerkt…….Was der Gemeinderat aber verschweigt ist folgendes: Es ist die Konferenz der Schulleitungen, die sich gegen ein Pilotprojekt „Ganztagesschule“ in der Stadt wehrt, mit ebendieser Argumentation, die der Gemeinderat in seiner Antwort wiedergibt. Bei mir drängt sich die Frage auf, wer denn eigentlich in der Stadt Bern Bildungspolitik macht.

Ich werde nicht aufgaben und den Gemeinderat bei seinem Wort nehmen – was nützen schöne Worte in Bildungskonzepten und Legislaturrichtlinien, wenn schliesslich doch nichts umgesetzt wird?